Krank am Wochenende in Berlin - Lieber auf Gott vertrauen als ins Krankenhaus

Kurz: Wer am Wochenende oder außerhalb der Sprechzeiten einen Arzt braucht ist in Berlin verloren. Die beste Möglichkeit ist, sich telefonisch an einen privaten Notdienst zu wenden:
Die Kosten belaufen sich im Schnitt auf 150 - 200 Euro. Aber dafür bekommt man einen Hausbesuch und erspart sich die skandalösen Zustände in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Die folgende Geschichte ist uns z.B. am Wochenende passiert:

Am Freitag abend kurz nach allgemeinem Sprechstundenschluss in den Berliner Kinderarztpraxen bekommt unser kleiner Sohn plötzlich Fieber und Atemprobleme. Was tun? Zunächst ein Blick auf die Seiten des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, ob es nicht eine Bereitschaftspraxis gibt (ja, liebe Berliner, sowas gibt es in anderen Bundesländern, wie z.B. Baden-Würtemberg). In Berlin wird man dagegen gleich an die Notaufnahmen der Krankenhäuser verwiesen, von Hausbesuchen ganz zu schweigen. Der Kinderärztliche Bereitschaftsdienst verweist uns an das mit dem Auto 20 Minuten entfernte Klinikum in Lichtenberg. Das ist die denkbar schlechteste Option, die langen Schlangen dort haben uns beim letzten Mal schon so schockiert, dass wir umgedreht sind und lieber auf Gottes Hilfe gehofft haben. Wir versuchen es mit anrufen (31 00 31 oder 116117), aber leider kann man uns keinen anderen Rat geben. Es gibt keine Bereitschaftspraxen in Berlin. Aus Verzweiflung rufe ich bei unserer Kinderärztin an, der Anrufbeantworter empfiehlt mir tatsächliche eine Vertretung, nämlich die Kinderrettungsstelle des Vivantes Krankenhauses in Friedrichshain. Das ist zwar leider auch wieder nur ein Krankenhaus, aber zumindest viel näher und von uns aus zu Fuß zu erreichen. Da sich die Atemprobleme aber wieder geben und das Fieber sich bei unserem Kleinen stabilisiert hat, sehen wir zunächst davon ab zu einem Krankenhaus zu gehen. Nach einer sehr unruhigen Nacht mit viel Geschrei sind wir aber am Samstag morgen doch überzeugt, dass wir zu einem Arzt gehen sollten. Also auf mit dem Kinderwagen zur Kinderrettungsstelle im Vivantes Krankenhaus in Friedrichshain.

Dort angekommen, dass erste Hindernis. Wo geht es überhaupt zur Kinderrettungsstelle? Zum Glück weisst uns eine Mitarbeiterin den Weg zu einem recht versteckten Seiteneingang. 

Ein Seiteneingang
Von dort aus sollen wir mit dem Aufzug in den Keller und dann den Schildern folgen. Der Aufzug kommt nach einer Ewigkeit und ist erstmal voll belegt mit einem Essentransport. Der Mitarbeiter fährt die Transporte aber raus, so dass wir Platz haben. Leider fährt uns der Aufzug dann erst nochmal in den ersten Stock, dann macht er wieder Halt im Erdgeschoß und dann erst kommen wir im Keller an. Ziemlich suboptimal für einen Aufzug zu einer Rettungsstelle finde ich. Aber jetzt sind wir ja da, dachte ich. Leider falsch gedacht, im Keller folgen wir gefühlte 10 Minuten den Schildern zur Rettungsstelle durch so sympathische Gänge, dass man eigentlich gleich wieder umdrehen möchte.


Lange Wege im Keller
Am Ende des Ganges angelangt, dann nochmal Verwirrung. Schon wieder ein Aufzug? Das muß doch falsch sein? Nein, ist es leider nicht. Um im Vivantes mit dem Kinderwagen zur Kinderrettungsstelle zu kommen möge man bitte erst mit dem Aufzug in den Keller, dann 10 Minuten durch den Keller und dann wieder mit dem Aufzug (festhalten) in den ersten Stock! Zum Glück sind wir kein echter Notfall. 

Die Rettungsstelle
Beim Betreten der Rettungsstelle macht uns die stickige Luft dort sofort klar, dass die vielen Leute hier offenbar schon lange warten. Wir werden kurz befragt, und uns wird ein Fieberthermometer gegeben, denn wir mögen doch bitte selbst(!) das Fieber bei unserem Kleinen messen. Bitte? Ist das hier eine Do-It-Yourself Rettungsstelle? Wir lehnen dankend ab und fragen nach der Wartezeit. Die wollen sie zuerst nicht sagen, sprechen dann aber von ca. 2-3 h. Wir entscheiden uns, die 2 h lieber draußen im Park zu verbringen und sind nach 10 Minuten wieder aus dem Labyrinth des Vivantes draußen an der frischen Luft. Dem Kleinen geht es dort schon viel besser und wir entscheiden uns ein weiteres Mal lieber auf Gott zu vertrauen, als zurück zur Rettungsstelle zu gehen. Am Montag können wir ja wieder zu unserem Kinderarzt. 

Es ist absolut klar: Das Vivantes Krankenhaus in Friedrichshain ist weder ein Ersatz für eine Bereitschaftspraxis, noch ist das eine empfehlenswerte Kinderrettungsstelle im Notfall. Bis 2018 (also kurz nach Eröffnung des Berliner Flughafens) ist das Krankenhaus (laut Beschilderung) wohl noch eine Baustelle und die Wege zur Rettungsstelle sind absurd lang. Liebe Eltern, spart euch das. Geht auf keinen Fall dorthin. Ihr werdet es nur bereuen und gesünder wird davon niemand. Ruft im Zweifelsfall lieber eine der oben gelisteten privaten Dienste an. 

Wer jetzt glaubt, dass sei sicher nur ein Einzelfall, den muss ich leider enttäuschen. Die Zustände in den Rettungsstellen and den Krankenhäusern in Berlin und anderen Teilen Deutschlands sind skandalös und das ist seit langem bekannt:
Und selbst die Ärzte wundern sich:
Erstaunlich ist die Selbstverständlichkeit, mit der im Krankenhaus häufige und lange Wartezeiten als gegeben hingenommen werden. ... Angesichts der großen Bedeutung von Wartezeiten im Gesundheitswesen ist dieser Sachverhalt in Deutschland vergleichsweise wenig wissenschaftlich untersucht. Warten im Supermarkt (16), Fastfood-Restaurant (19), Luftverkehr (20) oder auch auf Amtsfluren (21) erfuhr deutlich mehr akademische Aufmerksamkeit, obwohl dort die Faktoren Angst, Schmerzen und Patientensicherheit fehlen. Insbesondere die Datenlage zum Warten in den deutschen Notaufnahmen ist sehr limitiert. Die Belastung durch das Warten dort kann jedoch mit vergleichsweise einfachen Mitteln objektiv und subjektiv reduziert werden. (http://www.aerzteblatt.de/archiv/162373)
Kassenärztliche Vereinigungen und Ärztekammer arbeiten angeblich mit Hochdruck (der Artikel ist von Juni 2015) an flächendeckenden Reformkonzepten:
Endgültige Beschlüsse, beispielsweise über einzelne Standorte der Notdienstpraxen, gab es jedoch kaum zu verkünden, einzig die Reform des Fahrdienstes und der fachärztlichen Notdienste sei unstrittig. 
Passiert ist wie üblich seitdem nichts! Es ist ein Skandal, dass man in großen Teilen Deutschlands am Wochenende oder außerhalb der üblichen Sprechstunden keine Arztpraxis besuchen kann. Dabei wäre es so einfach: Genau wie bei Apotheken (http://www.aponet.de/service/notdienstapotheke-finden.html) sollten sich die Artzpraxen in einem Gebiet zusammentun und gemeinsam einen Plan aufstellen, wer am Wochenende Bereitschaft hat. Warum soll das, was bei Apotheken funktioniert, nicht auch bei Arztpraxen möglich sein? Warum müssen in Deutschland die Notaufnahmen der Krankenhäuser als Provisorium herhalten, mit dem Ergebnis, dass niemand zufrieden ist? Die weniger dringenden Fälle stöhnen über die langen Wartezeiten und die Versorgung der wahren Notfälle leidet, weil die Notaufnahmen mit vielen Patienten überlastet sind, die in einer Arztpraxis besser aufgehoben wären. Von einer Versorgung wie in zivilisierten Ländern dieser Welt ganz zu schweigen: In Russland z.B. kann jeder kostenlos einen Arzt zum Hausbesuch bestellen und das rund um die Uhr, selbst bei Zipperlein wie Halsschmerzen! Aber so eine Versorgung ist wohl in Deutschland mit einem Krankenkassenbeitrag von "nur" 15% des Bruttogehaltes utopisch. Vielleicht ist es an der Zeit, dass in Deutschland endlich diese unsägliche Zweiteilung in Privat- und gesetzliche Krankenkassen aufgehoben wird, so dass sich auch Beamte und Reiche am Gemeinwohl beteiligen müssen. Ich konnte nämlich noch keinem Ausländer erklären, warum in Deutschland gerade die Reichsten nicht zum Wohle aller in die öffentlichen Gesundheitskassen einzahlen müssen. 

Kommentare:

Andreas Maier hat gesagt…

Eine Sache ist inzwischen doch passiert. Seit Anfang 2016 hat man als Patient Anspruch darauf, innerhalb von 4 Wochen bei einem Facharzt einen Termin zu bekommen:

https://www.verbraucherzentrale.de/facharzttermin

Diese Regelung ist besonders in Berlin erfreulich, da dort die Wartezeiten auf Termine so lange sind, dass selbst die Bildzeitung darüber berichtete:

http://www.bild.de/regional/berlin/arztpraxis/bild-report-lange-wartezeiten-bei-arztpraxen-40010656.bild.html

Die neuen telefonischen Terminhotlines sind aber noch kaum bekannt und es wird richtigerweise gefragt, warum man in Deutschland das ganze nur telefonisch machen kann, statt wie z.B. in den USA eine Online-Suchmaschine (https://docasap.com/) anzubieten, wo Patienten sich selbst einen Termin suchen können:

https://www.welt.de/wirtschaft/article151786247/So-wenig-bringen-die-neuen-Arzttermin-Hotlines.html

Die Stiftung Warentest hat sich die Situation in den einzelnen Bundesländern angeschaut (warum kann man das nicht auf nationaler Ebene machen?) und hat einige nützliche Tipps parat:

https://www.test.de/Facharzttermin-Bei-Anruf-Arzt-4975763-0/

Anonym hat gesagt…

Stimmt fast alles, was man im Beitrag lesen kann, in Sachsen-Anhalt ist es noch trauriger, an WE o. Feiertagen mehr als zehn Stunden Wartezeit in der Notaufnahme Dessau u. Facharztpraxen lehnen Notfallpatienten sogar während ihrer Sprechzeiten wg. Überlastung ab, Hausärzte sind ratlos.
Allerdings erlebte ich in den letzten Jahren, daß es in Ru inzwischen weite Gebiete in der Provinz gibt, wo die einst zufriedenstellende Gesundheitsversorgung kommplett eingestellt wurde u. der nächste Arzt 250 km entfernt ist u. die Krankenhäuser o. Landambulanzen verwaist sind.
Ärzte gehen nebenbei putzen o. Zeitung austragen, auch das ist RU seit Sotschi.
Allerdings macht das die Zustände bei uns nicht besser u. hier liegt es eher nicht am Geld, sondern wieder mal an der Ignoranz u. Realitätsferne der Sesselpubser.