21 Juli 2016

Systematische Benachteiligung von Familien mit hohen Einkommensunterschieden

Die Deutschen mögen Regeln und Bürokratie. Deswegen sind z.B. auch 10% der gesamten Steuerliteratur der Welt auf deutsch. Eigentlich sollten wir also Übung darin haben sinnvolle oder gar gerechte Regeln und Gesetze zu machen. Leider ist das nicht der Fall. Ein Beispiel, das mich gerade besonders nervt, sind die Regelungen zum Elterngeld. Diese Regelungen sind so schlecht gemacht (oder steckt dahinter sogar Absicht?), dass Familien mit ungleicher Einkommensverteilung stark benachteiligt werden.

Grob gesagt beträgt das Elterngeld 67% des Nettoeinkommens und ist damit genauso hoch wie Arbeitslosengeld (Elterngeld könnte man also analog zu Arbeitslosengeld vom Arbeitsamt auszahlen lassen. Aber das wäre zu einfach. Stattdessen müssen sich z.B. in Berlin die Bezirksämter damit herumschlagen und Einkommensberechnungen durchführen, die das Arbeitsamt viel besser kann, da es über bessere Einkommensdaten verfügt. Das Elterngeld ist also eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Bezirksämter. So sieht Bürokratieabbau in Deutschland aus!). Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Das Elterngeld ist nach oben gedeckelt. Mehr als 1800 Euro pro Elternteil gibt es nicht (und weniger als 300 Euro auch nicht). Und damit wird das ganze höchst ungerecht für Familien in denen z.B. nur ein Elternteil verdient.
Denn nach Adam Riese beträgt das maximale Elterngeld (beide Elternteile gleichzeitig in Elternzeit) bei annähernd gleichem Einkommen 2*1800 = 3600 Euro. Wird das gleiche Einkommen dagegen nur vom einem Elternteil erwirtschaftet so beträgt das maximale Elterngeld nur 1800 + 300 = 2100 Euro. Das ist ein Unterschied von 1500 Euro im Monat zu Ungunsten der Familie mit nur einem Hauptverdiener. Grund für diese Ungerechtigkeit ist, dass die Deckelung pro Elternteil gilt und es nicht eine Deckelung für die gesamte Familie gibt.

Dasselbe Problem ergibt sich mit der gesetzlichen Krankenversicherung während der Elternzeit. Was wenige wissen ist nämlich, dass freiwillig gesetzlich Krankenversicherte trotz Elternzeit weiter Beiträge bezahlen müssen. Ab wann ist jemand freiwillig versichert? Wenn das Einkommen für ein Elternteil oberhalb von 56000 Euro liegt. Der Witz ist auch hier, dass diese Schwelle pro Person berechnet wird und nicht pro Familie. Das bedeutet, dass eine Familie mit zwei Einkommen maximal 2*56000 Euro = 112000 Euro verdienen kann und immer noch beitragsfrei während der Elternzeit bleibt. Gibt es dagegen nur einen Hauptverdiener, liegt das Limit wie schon gesagt bei 56000 Euro.

Dass heisst, dass eine Familie deren Einkommen zwischen 56000 und 112000 Euro liegt, das hauptsächlich von einem Hauptverdiener erwirtschaftet wird, nicht nur wesentlich weniger Elterngeld bekommt, sondern deren Elterngeld auch noch durch zusätzliche Beiträge zur gesetzlichen Krankenkasse weiter effektiv gekürzt wird.

So sieht Familienpolitik in Deutschland aus! Die Familie soll gefördert werden, aber de facto wird die Familie nicht als Einheit betrachtet, sondern in seine Einzelmitglieder aufgespalten. Der Name Elterngeld ist damit nur Irreführung. Es sollte Vater- bzw. Muttergeld heißen.

Und wer mir jetzt ein veraltetes Familienbild vorwerfen möchte, dem sei gesagt: Das Problem bleibt bestehen, auch wenn der Hauptverdiener eine Verdienerin ist. Es ist ein rein mathematisches Problem, welches man durch eine gemeinsame Veranlagung (wie im Einkommenssteuerrecht) bei Elterngeld und Familienversicherung umgehen könnte. Aber offenbar ist das nicht gewollt. Deutschland ist zwar ein Rechtsstaat. Ein gerechter Staat ist er deswegen noch lange nicht.

10 Januar 2016

Nur in Russland - Notizen einer Reise

Vorwort

Die folgenden Beobachtungen basieren auf Notizen, die ich während unseres letzten Urlaubs im Sommer 2014 in Russland gemacht habe. Seitdem war ich nicht wieder in Russland. In der Zwischenzeit ist jedoch der Rubelkurs ums zweifache gefallen, in Russland herrscht Wirtschaftskrise und Vieles hat sich vielleicht geändert. Vielleicht aber auch nicht. Wie auch immer, ich hoffe ihr habt soviel Spaß beim Lesen, wie ich es beim Schreiben und Erinnern an diesen Urlaub hatte, ein Urlaub, wie man ihn wohl "nur in Russland" erleben kann.

Der Anfang

Marschroutka-Index

Nischni Nowgorod (NN) gehört zu den Städten, die man als Tourist in Russland unbedingt gesehen haben sollte. Die anderen Städte sind St. Petersburg und Moskau (und zwar in dieser Reihenfolge). Die anderen Städte, die wir auf dieser Reise besuchten (Tambov und Sotchi) gehören nicht dazu. Das sieht man bereits am sogenannten Maschroutka-Index, an dem man den Entwicklungsstand einer Stadt oder Region in Russland sehr gut ablesen kann. Marschroutkas sind die kleinen privaten Busse, die den öffentlichen Verkehr in Russland prägen. Eine Fahrt in einer Marschroutka kostet unabhängig von der Strecke der Fahrt immer das Gleiche, ist aber von Region zu Region unterschiedlich. In Moskau kostet eine Fahrt 40 Rubel, in St. Petersburg 32 Rubel, in NN 20 Rubel, in Sotchi 17 Rubel und in Tambov 11 Rubel (Preise von 2014). Für alle Touristen Russlands und die, die es mal werden wollen, lässt sich daraus folgende Regel ableiten:

Sollte der Preis einer Marschroutkafahrt weniger als 50% des Preises in Moskau betragen, dann sollte man die Stadt oder Region meiden. 

Aber auch das wussten wir erst hinterher. 

Nischni

Wolga-Promenade in Nischni
Nischni (wie Nischni Nowgorod liebevoll von den Einheimischen genannt wird) ist nach dem Marschroutka-Index eine gut entwickelte russische Stadt. Es gibt z.B. seit neuestem (d.h. seit den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi) Ticketautomaten in der U-Bahn, allerdings nicht an jeder Station. An den anderen Stationen zahlt man nach wie vor am Schalter. Nichts was einen erfahrenen Touristen wie mich überrascht. Was schon eher irritieren kann, ist, dass wenn man in einem Modegeschäft etwas für die Liebste kauft und man 300 Rubel Wechselgeld erwartet, der Kassierer erst einmal über die Straße zu einem anderen Geschäft laufen muss, um das Wechselgeld zu holen. Aber wir haben ja Zeit, ich bin im Urlaub (und anscheinend auch der einzige Kunde seit langem). Jedoch muss ich mich als Tourist noch registrieren lassen, die erste größere Hürde auf unserer Reise: Das Registrierungsformular bekommen wir auf der Post, es ist nach alter sowjetischer Tradition zweiseitig eng bedruckt, die Felder zum Ausfüllen sind so klein, dass man selbst mit Schriftgröße 3 niemals die geforderte Information unterbringen kann. Das ganze muss man zudem drei Mal ausfüllen. Es ist natürlich nicht erlaubt, das Formular einfach einmal auszufüllen und dreimal zu kopieren. Durchstreichungen und Korrekturen sind ebenso nicht erlaubt. So kann man schon einmal eine Stunde am Postamt verbringen, nur um ein Formular auszufüllen. Dazu muss ich meinen Pass kopieren und zwar alle 20 Seiten. Meine Frau, die für mich das Formular ausfüllt wird das ganze schnell zu bunt. Nach einigen Flüchen und etwas lauterer Diskussion mit der Beamtin ist es auf einmal doch erlaubt, das verdammte Formular einfach dreimal zu kopieren. Aber wie die Beamtin klar macht, natürlich nur auf Kulanz bzw. aus Mitleid. Der Beamte ist König in Russland (solange man kein Schmiergeld zahlt)! 

Im russischen Dorf - symbolisch

Ein Dorfbewohner
Unsere nächste Station war die Datscha meines Schwiegervaters im Dorf 1,5 h Stunden außerhalb von NN an einem Teich gelegen, wie Hobbiton im Auenwald. Um diese Jahreszeit gab es auch schon keine Stechmücken mehr, so dass wir uns sehr auf die Ruhe dort gefreut haben. Die gab es auch, bis uns eben jener Schwiegervater (vom Charakter Louis de Funes nicht unähnlich) besucht hat. Der Besuch musste natürlich gefeiert werden mit viel Essen und mit "sto gramm" (100 gramm = 0,1 Liter) Wodka. Zu Besuch kamen auch Nachbarn aus dem Dorf, in Erinnerung geblieben ist mir der "Zauberer aus dem Wald", ein freundlicher kleiner Herr mit krausem Bart und schlauen Augen. Er brachte nicht nur sehr guten gebratenen Fisch mit (ich kann normalerweise keinen Fisch essen, aber der war wirklich gut), sondern brachte mir auch eine wichtigen Überlebenstrick für Russland bei. Auf die Frage des Schwiegervaters, wieviel Wodka er möchte (und als Antwort wird eigentlich nur ein volles Glas akzeptiert), sprach der Zauberer: "Tolka simwolitscheski" ("Nur symbolisch"). Und das Wunder passierte: Er bekam nur einen winzigen Schluck Wodka eingeschenkt, und trank sozusagen symbolisch mit uns. Das Zauberwort ist also nicht "njet", sondern "simwolitscheski". 
Für mich war es zu diesem Zeitpunkt aber bereits zu spät für derartige Zaubertricks. Stattdessen wurde ich von meinem auch nicht mehr nüchternen Schwiegervater zum Schießen mit der Schrotflinte auf Blechdosen animiert. Also gut, was kann schon schiefgehen, wenn man nach mehreren Wodkas im Garten rumballert. Mehr als danebenschießen kann man nicht, ich traf sogar, allerdings nicht nur die Blechdose (womit ich meinen Schwiegervater beeindrucken konnte), sondern durch Querschläger auch die Regentonne (die dann auch prompt leer lief).
Nach einem so normalen Abend war das Aufstehen am nächsten Morgen etwas schwer, aber da mich mein Schwiegervater so liebt, warf er mir einfach die Autoschlüssel zu seinem teuren 4x4 SUV hin, und ließ mich damit ins Nachbardorf fahren. Seit der Fahrprüfung habe ich nicht mehr so geschwitzt am Steuer, denn mit Restalkohol im teuren Auto des Schwiegervaters über die schlimmsten Straßen (schlammige Feldwege mit halben Meter tiefen Spurrillen) seit Ende des römischen Reiches zu steuern kann nervös machen. Kommentar meines Schwiegervaters: "Eta ne avtoban!" (Das ist keine Autobahn). 
Damit es nicht zu bequem wird, hat uns mein Schwiegervater auch die zweite Nacht verkürzt und uns am nächsten Morgen mit seinem neuen Minitraktor geweckt, den ich natürlich auch probefahren musste. Zudem war noch eine Nachbarsjunge zu Besuch der unbedingt auch Schießen wollte. Der vielleicht 12jährige Junge trifft besser als wir und fährt dann auf seinem Motorrad wieder heim.
Am Abend heizt uns der Schwiegervater auch noch einmal die Banja vor, Temperatur 145 Grad. Meine Ausrede, dass bei dieser Temperatur die Saunaweltmeisterschaften in Finnland durchgeführt werden, wird gerade so akzeptiert. Bei 130 Grad gehe ich in die Banja. Symbolisch. 

Zugfahren in Russland

Essen ist auf Bahnfahrten inzwischen inklusive - aber das interessiert niemanden 
Als nächstes auf dem Programm steht eine Reise zur Schwiegermutter nach Tambow. Natürlich fahren wir wie alle Russen die 500 km dahin in 12 h mit dem Nachtzug. Allerdings geht das nicht ohne Vorbereitung. 
Folgende Dinge sollte man als westlicher Gast bei einer Nachtzugfahrt auf jeden Fall dabeihaben: Oropax, Zahnputzkaugummi (nicht in Russland erhältlich), Augenmaske (da das Licht im Schlafabteil nicht abgeschalten wird), Badelatschen (Tapatschki), Taschentücher (um nervtötende klappernde Lüftungen zu fixieren). 
Und folgende Dinge nehmen die Russen mit: Ein gebratenes Hähnchen, ein Kilo gekochte Kartoffeln, gekochte Eier, Messer, Servietten, ein Kilo Äpfel, ein Laib Brot, eine ganze Salami, ein Pfund Bauchspeck, zwei Packungen Süßigkeiten und dann noch eventuell Trauben, Birnen, etc. . Im Kommunismus gab es keine Verpflegung im Zug und dieser Glaube hat sich bei den Russen bis heute gehalten, obwohl man im russischen Zug inzwischen fast alles kaufen kann. Das Ergebnis ist dann, dass die Russen zwar alles mitnehmen, die Hälfte der Sachen dann aber auf der Fahrt weggeschmissen oder an die Schaffnerin geschenkt wird, die auch aussieht, als ob sie viele solcher Geschenke bekommt. In den meisten Klassen ist das Essen sogar im Ticketpreis inbegriffen. Unsere reichen Abteilungsnachbarn aus Moskau bei unserer späteren Fahrt nach Sotschi hatten allerdings trotzdem Hähnchen dabei. 

Tambow

Schwarzböden bei Tambow
Tambow liegt in der sogenannten Schwarzbodenregion und das ist wörtlich zu nehmen. Der Lebensgefährte der Schwiegermutter holt uns vom Bahnhof in Mitschurinsk ab (es gibt keine direkte Zugverbindung von NN nach Tambow) und links und rechts der niegelnagelneuen Autobahn nach Tambow sieht man tiefschwarze Hügel von Schwarzerde, die beim Bau der Autobahn entstanden. Es sieht aus, als hätte man eine Autobahn durch ein riesiges Gebiet mit Blumenerde gebaut. "Fast ein Verbrechen", denke ich, bin aber trotzdem froh, mal auf einer Straße ohne Schlaglöcher unterwegs zu sein.
Als wir bei der Schwiegermutter ankommen, gibt es eine kleine Überraschung. Sie hat extra für unseren Besuch das Treppenhaus neu (blau und orange) gestrichen. "Das ist ja sehr nett, aber das Treppenhaus gehört ihr doch gar nicht", schaue ich meine Frau fragend an. Sie zuckt nur mit den Schultern, und deutet an, dass man sich um solche Details in Russland nicht so kümmert. Das Treppenhaus stinkt jedenfalls zur Feier unseres Besuches zwei Tage nach Farbe. 
Zusätzlich zu meiner Schwiegermutter besuchen wir auch eine Cousine meiner Frau in Tambow. Dort erfahren wir, das ihr Mann bei der russischen Armee und daher gerade in der Ukraine ist. Um das zu feiern trinken wir alle auf "Krim nasch" ("Unsere Krim"). Ich habe kein Problem damit, schließlich gehörte die Krim 1918 und 1942 auch schon mal zu Deutschland. 
Am Abend kommen noch ein paar Tanten und ein Cousin zu Besuch. Meine Schwiegermutter bietet ihnen ihren selbstgebrannten Schnaps an, der so ca. 50% Alkohol haben dürfte. Während die eine Tante probiert und ihr sofort übel wird, trinkt die andere ihn ohne mit der Wimper zu zucken und wird dafür von ihrem Sohn sehr bewundert. 
Am nächsten Tag besuchen wir noch den Garten meiner Schwiegermutter, der etwas außerhalb von Tambow liegt, aufgrund des Schwarzbodens aber geradezu ein Wunder ist. Es wächst wirklich alles dort, selbst Wein bauen sie an. Allerdings erkennt man auch diesen Garten sofort als russisch. Die Russen haben nämlich die Angewohnheit in jedem Garten alte Autoreifen liegen zu haben, das gehört seltsamerweise dazu. Meist werden sie als Blumentopf verwendet, manchmal auch als Beetbegrenzung oder in der großen Traktorvariante auch als Swimmingpool. Warum oder wieso die Russen Autoreifen in ihrem Garten mögen ist mir unklar, warum sie die Autoreifen dazu manchmal pink oder türkis bemalen noch viel weniger. 
Weiter gehts zum Dorf Nesnanowka (wörtlich "Ichweissnichtdorf") um die Oma zu besuchen. Das Dorf macht seinem Namen alle Ehre und hat noch schlechtere Straßen als der Rest Russlands. Dafür gibt es seit neuestem Wasseranschluß. Allerdings haben die meisten Häuser gar keine Wasserleitungen die man anschließen könnte. Die Oma stört das alles überhaupt nicht und sie empfängt uns mit Unmengen Blini, die man offenbar auch ohne fließendes Wasser zubereiten kann. Im Garten dürfen wir dann auch noch die traditionellen Antonowka Äpfel vom Baum essen. 
Nach so viel Verwandtschaftsbesuchen ist es Zeit weiterzureisen. Am nächsten Tag fahren wir wieder an Apfelplantagen vorbei auf der Autobahn nach Mitschurinsk, als die Schwiegermutter plötzlich unbedingt anhalten möchte. So fahren wir auf den Standstreifen und die Schwiegermutter steigt schnell aus um Äpfel von der Plantage zu klauen. Diese seinen (obwohl sie ja direkt an der Autobahn wachsen) nämlich besser, als die Äpfel, die wir nur einige Kilometer früher bei einem fliegenden Händler (Äpfel, Birnen, Fisch, Honig, Sonnenblumenöl) an der Autobahn gekauft haben. Dummerweise wird sie natürlich vom Bauern erwischt, aber auf ihre Erklärung "poprobowat" (nur zum probieren) sagt er zum Glück nur "ladno" (Na gut). Probieren darf man in Russland offenbar immer.
In Mitschurinsk angekommen verfahren wir uns zunächst, da der kleine Ort tatsächlich zwei Bahnhöfe hat und wir natürlich nicht vom selben losfahren, wie wir angekommen sind. Der andere Bahnhof wird von der Wartenden dort nur als "idiotskij waksal" ("Idiotischer Bahnhof") bezeichnet. Kein Wunder, der Bahnhof ist eine kleine Staubwüste und das Warten dort wird von extremem Baustellenlärm versüßt. Das Bahnhofsgebäude hat zum Ausgleich auch gar keinen Eingang. Zum Glück ist es schönes Wetter.

Zugfahrt über die Ukraine nach Sotschi

Mobiler Grenzkonflikt mit der Ukraine
Für die 18-stündige Zugfahrt von Mitschurinsk nach Sotschi haben wir uns etwas Luxus gegönnt und fahren in der Klasse "Coupe", statt wie sonst immer "Platzkart". Der Vorteil ist, dass die Betten im Nachtzug länger sind als 170 cm und dass Licht nachts ausgeschalten wird. Leider sind die Abteile so dicht, dass es keine Luftzirkulation gibt. Zum Glück haben wir kein Abteil im zweiten Stock des zweistöckigen Zuges, der seit 2014 Moskau und Sotschi verbindet, denn das zweite Stockwerk ist so niedrig, dass sich dort nur Hobbits wohlfühlen können. Trotzdem schlafe ich relativ gut, so dass ich erst am nächsten Morgen überrascht die SMS auf meinem Smartphone lese, die mich "Herzlich Willkommen in der Ukraine" heißt. Eine kurze Triangulation mit Google Maps überzeugt mich aber, dass wir noch auf der Strecke nach Sotschi sind und nicht wie so mancher russischer Soldat in die Ukraine abgedriftet sind. Aber offenbar geht die Zugstrecke so nahe an der ukrainischen Grenze vorbei, dass die Mobilfunkbetreiber schon nicht mehr wissen, ob man noch in Russland oder schon in Novorussia ist. Etwas später fahren wir mit dem Zug am schwarzen Meer entlang und geniessen die wunderschöne Aussicht aufs Meer. Die Zugstrecke nach Sotschi wurde nämlich in weiser Voraussicht im Abstand von fünf Metern zum Strand gebaut, was erfolgreich den Bau von Hotels für den Massentourismus nahe am Meer verhindert, gleichzeitig aber leider auch die Ruhe am Strand. 

Sotschi

Frühstück im Nicht-5-Sterne-Hotel
Wie bereits gewohnt werden wir in Sotschi vom Geruch neuer Farbe begrüßt. Diesmal ist es der Bahnhof von Sotschi der (vielleicht extra für uns?) neu gestrichen wird. Warum bereits ein halbes Jahr nach den Olympischen Spielen der Bahnhof schon wieder einen neuen Anstrich braucht ist mir unklar, aber in Russland malt man offenbar gerne. Vom Schlafmangel im Nachtzug benommen machen wir auch den Fehler und akzeptieren das Angebot eines der aufdringlichen inoffiziellen Taxifahrer am Bahnhof uns für 1000 Rubel zum Hotel zu fahren. Sein Taxi verstopft bzw. parkt wie alle inoffiziellen Taxis in der Krankenhauseinfahrt des Krankenhauses neben dem Bahnhof. Dafür geniessen wir die Fahrt in einer Mercedes E-Klasse mit Klimaanlage. Das uns auf der Autobahnauffahrt plötzlich der Motor ausgeht, erklärt der Fahrer elegant damit, dass die E-Klasse mit der schlechten Benzinqualität hier in Sotschi nicht zurecht kommt. Ich bin beruhigt, ich befürchtete nämlich schon, dass wir überfallen werden sollten. Das war aber gar nicht notwendig. Als wir im Hotel ankommen stellt sich nämlich heraus, dass der offizielle Preis für ein Taxi vom Bahnhof eigentlich maximal 250 Rubel gewesen wären. 
Das Hotel hat uns die Schwiegermutter ausgesucht, deswegen ist es günstig und liegt direkt im Ghetto von Sotschi. Allerdings ist, wie wir bald feststellen, ganz Sotschi ein Ghetto, insofern ist das kein Grund zur Besorgnis. Eher Grund zur Besorgnis ist, dass das Hotel zur günstigen Kategorie gehört. Das ist ein typischer Anfängerfehler westlicher Touristen. 

Als Tourist darf man in Russland nur Luxusklasse buchen, ansonsten wird es immer abenteuerlich oder einfach nur furchtbar. 

Als wir ankommen und die Dame an der Rezeption mitbekommt, dass ich aus Westeuropa komme, bekommen wir ein besseres Zimmer als das, was wir gebucht haben. Es ist etwas größer und hat durch die Hochhäuser hindurch tatsächlich Blick aufs Meer. Die Matratzen sind dafür schlechter als die der russischen Bahn, es gibt keine Leselampen am Bett, der Abfluss in der Duschkabine ist verstopft, die Beschriftung für heißes und kaltes Wasser vertauscht, der Teppich schmutzig und die Tapeten sind an manchen Stellen zerrissen (von Kindern der vorherigen Gäste, wie sich die Rezeptionistin entschuldigt). Als ich den Teebeutel, der in der Klimaanlage klemmt, entferne, stelle ich fest, dass er für die Funktion absolut notwendig ist, da sie ansonsten nicht die bläst. Dafür gibt es Free WiFi, wenn man den Router, der auf einem Bügelbrett im Gang vor dem Zimmer steht, selbst neu startet. Da könnten sich viele deutsche Hotels mal ein Beispiel dran nehmen.

Free WiFi!
Die Bettwäsche ist leider ebenfalls nicht besonders sauber, weswegen meine Frau sich an der Rezeption beschwert. Kommentar der Rezeptionistin: "Wir haben die Bettwäsche jetzt gewechselt, aber eigentlich sind wir kein 5-Sterne Hotel!". Offenbar wird in Russland nur in 5-Sterne Hotels die Bettwäsche ab und zu gewechselt. Zum Aufwecken am nächsten Tag, hat das Hotel mitten in der Stadt einen krähenden Hahn, schreiende Kinder der Hotelbesitzerin und eine obligatorische Baustelle mit Kreissäge organisiert. Offenbar wollte das Hotel sicher stellen, dass wir trotz Oropax aufwachen um das tolle Frühstück (Haferbrei, zwei Scheiben trockenem Brot, einer Scheibe Wurst und einer Scheibe Käse und billigem Beuteltee) nicht zu verpassen. 
Auf der Website zum Hotel stand auch, dass man zu Fuß zum Strand gehen kann, was im Prinzip auch stimmt. Allerdings läuft man dazu 20 Minuten einen extrem steilen Berg durchs Ghetto hinunter über Straßen, die seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr geteert wurden und muss über improvisierte, verrostete Fußgängerbrücken mit ungleichen Stufenhöhen klettern um dann an einem winzigen Strand anzukommen. Als wir etwas außer Atem wieder im Hotel ankommen und fragen, ob das der einzige Weg zum Strand ist, erzählt uns die Rezeptionistin (weil sie wohl Mitleid mit uns hatte), dass es da auch noch einen Bus/Marschroutka gibt. Aber eine Karte von Sotschi gibt sie uns nicht. Die sollen wir gefälligst selber kaufen. Sie sind ja kein 5-Sterne Hotel. 
Dank der genialen 2GIS App (ohne die man als Tourist in Russland verloren geht) finden wir am nächsten Tag einen Bus, der uns zu einem anderen Strand bringen soll. Die Bushaltestelle ist allerdings nicht ganz in Strandnähe, so dass wir trotzdem noch eine gewisse Strecke zu Fuß meistern müssen. Dank Smartphone kein Problem, wir folgen einfach den Straßen, so wie sie auf 2GIS eingezeichet sind (Google Maps, Yandex und Openstreetmap sind in Sotschi völlig unbrauchbar, da die Karten total veraltet sind). Wir finden die Straße zum Strand, leider ist sie aber nicht mehr durchgängig, selbst für Fußgänger. Warum? Nun, die Straße endet unvorhergesehen an einem privaten Garten, der sich bei näherem hinsehen als Leopardengehege (mit Leopard) mitten in der Stadt herausstellt. Ach so, dass hätte man sich natürlich denken können, wir sind ja in Russland.

Leopard statt Straße - Wieso hat mich Google Maps nicht gewarnt?
Auf einigen Umwegen schaffen wir es dann doch noch zu Strand zu kommen, und schaffen es uns unauffällig zwischen die Familien und weißrussichen Banditen mit ihren Geliebten zu mischen.  Das schwarze Meer verwöhnt uns mit 28 Grad Luft und 28 Grad Wassertemperatur und so entspannt beschliessen wir, ab sofort nur noch mit dem Taxi in Sotschi zu fahren. 
Das war eine gute Entscheidung. Nach kurzem Anruf wird man von den Taxis meist innerhalb von drei Minuten überall abgeholt. Allerdings muss man sich an ein paar Dinge gewöhnen. Erstens: Alle Taxis haben auf den Rücksitzen die Gurte entfernt, nicht dass sich die Gäste aus versehen anschnallen. Taxifahrer haben nie Rückgeld oder geben es vor. Wenn es ihnen einfällt, dass sie doch Rückgeld haben, dann sind es z.B. 60 Rubel in Münzen. Manche Taxifahrer bekreuzigen sich bei jeder Kirche an der sie vorbeifahren (vielleicht als Ersatz für die fehlenden Gurte?). Als Musik wird meistens 90er Jahre Techno gespielt und wenn es eine Klimaanlage gibt, dann wird das Auto auf gefühlt -10 Grad abgekühlt. Proteste helfen wenig. Als meine Frau sich über die Lautstärke der Musik beschwert, bekommt sie nur zu hören: "Das ist doch nicht laut" und die Lautstärke bleibt unverändert. Dafür kommt man immer ans Ziel, z.B. den Bahnhof.
Diesen steuern wir am nächsten Tag an, um von dort aus zu den "olympischen Objekten" zu fahren, wie es hier so schön heißt. Denn ich Schlauberger habe mir natürlich trotz Warnungen meiner Frau einen argen Sonnenbrand geholt und will der Haut einen Tag Pause gönnen. Am Bahnhof stehen 10 Ticketautomaten, aber der erste nimmt kein Geld an, da waren es nur noch neun. Neun Ticketautomaten am Bahnhof, der nächste hat keinen Strom, da waren es nur noch acht. Acht Ticketautomaten .... Am Ende hilft nur Schlange stehen am Ticketschalter, alle zehn Ticketautomaten sind offenbar ein halbes Jahr nach den Olympischen Spielen schon wieder kaputt gegangen. 
Die Zugfahrt zu den olympischen Objekten kostet nur 100 Rubel, dauert aber überraschend lang. Die Stadien sind nämlich ca. 30 km südostlich von Sotschi in Adler (wo sich auch der Flughafen von Sotschi befindet) auf einer künstlichen kreisrunden Ebene direkt am Meer. Ein Besuch ist im Sommer wirklich nicht empfehlenswert. Ohne Bäume, Wiesen, Wind und irgendeiner Art von Schatten laufen wir zwischen den zugegebenermaßen beeindruckenden Stadien herum, bis wir vor Hitze platt doch das Angebot annehmen uns für 100 Rubel mit einem Golfwagen herumfahren zu lassen. Leider ist der sogenannte olympische Park im Sommer nämlich nichts anderes als ein riesiger olympischer Parkplatz.

Der olympische Parkplatz
Kurioses Highlight der Besichtigung war dann auch, dass im Hauptstadion gerade der sibirische Gesundheitskongress stattfand. Offenbar wissen die Russen (wie so viele andere Länder auch) nicht so recht, wie sie die riesigen Anlagen nach den Olympischen Spielen auslasten sollen, so dass vermutlich jeder staatliche Kongress in Zukunft auf Befehl des Präsidenten in Adler stattfinden muss.
Noch eine Stunde mit dem Zug weiter östlich von Adler in den Bergen liegt aber endlich mal ein echtes Highlight: Krasnaja Poljana . Die Mischung aus Karlsbad und Schweizer Wintersportort ist auch im Sommer einen Tagesausflug wert. Es liegt in den wunderschönen grünen kaukasischen Bergen und verdient den Namen russische Schweiz zurecht. Während Sotschi selbst kaum von den Olympischen Spielen profitiert hat, ist in Krasnaja Poljana einfach alles top. Die vielen 5-Sterne Hotels und anderen schönen Gebäude, die Promenade am wilden Bergfluß, die Gondelbahn auf den Gipfel, die atemberaubende Aussicht über die kaukasischen Berge. Eigentlich wollen wir dort gar nicht weg und gönnen uns ein Essen in einem der (im Sommer) überraschend günstigen 5-Sterne Hotels am Platz. Auch hier gilt offenbar wieder die Regel in Russland: Entweder es ist Abfall oder es ist Luxus und Krasnaja Poljana gehört zu letzterem. Falls wir mal Zeit und Geld haben in Russland Ski zu fahren, dann wird es wohl dort sein, versprechen wir uns. Mit dem letzten Zug fahren wir wieder zurück nach Sotschi in unser Hotel.

Krasnaja Poljana
Dort ist inzwischen der Strom ausgefallen, ich lasse mich nicht beunruhigen, finde den Sicherungskasten und schalte den Strom auf unserem Stockwerk selbst wieder ein. Am nächsten Morgen gibt es während des Frühstücks ein wildes Wortgefecht zwischen der Rezeptionistin und der Hotelbesitzerin. Am Abend erfahren wir, dass die Rezeptionistin gefeuert wurde. Warum bleibt unklar, vielleicht weil wir es eben kein 5-Sterne-Hotel ist, welches sich eine Rezeptionistin leisten kann. Dafür bekommen wir jetzt das Frühstück von der Hotelbesitzerin persönlich serviert. Wir mischen uns nicht ein und versuchen die restlichen Tage, die leider etwas verregnet waren, mit Sightseeing, Shopping und Essen gehen zu verbringen. 
Leider ist es eine Angewohnheit in Sotschi alle Promenaden und Fußgängerzonen mit 80er Pop oder 90er Techno zu beschallen. Wenn es keine Musik gibt, dann gibt es Baulärm. Oder beides, wie in dem romantischen Restaurant am Hafen, welches die Baustelle daneben mit unromatischer Musik zu übertönen versucht. Dafür finden wir einige interessante Dinge zum Kaufen, z.B. Zahnpasta mit Goldgeschmack oder Shampoo mit Knoblauchgeruch. Will man etwas Teureres kaufen (> 100 Euro), dann haben auch die meisten Läden, wie die Taxifahrer, kein Wechselgeld. 1000 oder gar 5000 Rubel-Scheine sind grundsätzlich verdächtig und werden oft abgelehnt. Ein Profi-Tipp für Touristen in Russland ist es daher, große Scheine grundsätzlich nur in großen Supermärkten oder teuren Restaurants auszugeben bzw. wechseln zu lassen. Auf diese Art und Weise schaffen wir es dann doch noch die Urlaubskasse auszugeben.

Das Ende

Am letzten Tag warten wir aufs Taxi zum Flughafen. Meine Frau hatte extra einen guten Preis dafür mit einem der netteren Taxifahrer am Vortag ausgehandelt. Natürlich kommt er nicht. Wir rufen also die Taxizentrale und innerhalb von drei Minuten kommt ausgerechnet der unfreundlichste Taxifahrer, mit dem wir bisher gefahren sind. Als wir sagen, zum Flughafen, sehe ich kurz Dollarzeichen in seinen Augen aufblinken. Dann steigen wir ein, und ohne das ich die Tür schließen konnte fahren wir schon in wahnsinniger Geschwindigkeit mit Techno der 90er in seinem getunten VW Passat durch Sotschi. Eigentlich glaube ich schon nicht mehr daran, dass wir es noch rechtzeitig schaffen können, denn laut Google Maps brauchen wir mindestens 55 min, aber wir haben nur noch 45. Aber ich habe die Rechnung ohne unseren Taxifahrer gemacht. Mit wahnwitzigen Überholmanövern auf dem Seitenstreifen der Autobahn am Stau vorbei, mit 80 km/h über Parkplätze hinweg schafft er es in rekordverdächtigen 35 min von unserem Hotel bis zum Flughafen. Ein bisschen bleich steigen wir aus, ich gebe ihm mein ganzes letztes Geld, pfeife auf das Wechselgeld und wir rennen zum Check-In. Tatsächlich schaffen wir es noch zu unserem Flug und nach einer Zwischenlandung in Moskau überfliegen wir die Grenze Russlands am 10. September 2014 zurück nach Westeuropa. 

29 November 2015

Kurzsichtigkeit - Stand der Wissenschaft

Ich gebe gleich zu, der Titel ist etwas reißerisch formuliert. Er sollte eher lauten "Kurzsichtigkeit - Stand meines Wissens". Aber jetzt ist es zu spät und ihr als brave Leser werdet den Artikel natürlich trotzdem zu Ende lesen, oder? Denn seit meinem Post über Kurzsichtigkeit von 2009 gibt es doch einige sehr interessante Neuigkeiten zum Thema.

1. Der ursprüngliche Auslöser für diesen Blogpost ist folgender Artikel der amerikanischen Akademie für Augenheilkunde:
In der verlinken Studie und dem Vortrag dazu wird dargelegt, dass es selbst mit sehr niedrig dosiertem Atropin (0,01 %) möglich ist das Wachstum des Augapfels hin zum kurzsichtigen Auge bei Kindern um 50 % zu verzögern. Das ist insofern bedeutend, da damit nun ein Mittel zur Behandlung der Kurzsichtigkeit zur Verfügung steht, welches kaum Nebenwirkungen aufweist. Schon seit langer Zeit wurde zwar erkannt, dass Atropin bei der Behandlung der Kurzsichtigkeit helfen kann (siehe z.B. McBrien 1993), aber bisher ging man immer davon aus, dass die dazu notwendige Dosierung von Atropin zu starken Nebeneffekten (extreme Blendung, da Pupille geweitet und gelähmt wird) führt, so dass der Einsatz als Medikament nicht in Frage kommt. Jetzt ist klar, dass man den gleichen Effekt auch mit einer sehr viel niedrigeren Dosierung von Atropin erreichen kann und man es tatsächlich als Medikament einsetzen kann.

2. Ein weiteres Medikament, dass bereits in Studien getestet wurde und ich auch kurz in meinem Post von 2009 erwähnt hatte ist Pirenzepin. Dieses Mittel, das schon lange als Medikament zur Reduktion von Magensäure auf dem Markt ist, kann anscheinend, als Gel auf das Auge aufgetragen, ebenfalls das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit bei Kindern verlangsamen:
Über die Wirksamkeit von Pirenzepin hatte ebenfalls McBrien 1993 bereits spekuliert und diese Spekulationen kann man wohl jetzt als bestätigt ansehen. Allerdings wirkt Pirenzepin laut einer Metastudie (Walline 2011 - Interventions to slow progression of myopia in children) weniger stark wie Atropin:
"The largest positive effects for slowing myopia progression were exhibited by anti-muscarinic medications. At one year, children receiving pirenzepine gel (two studies), cyclopentolate eye drops (one study), or atropine eye drops (two studies) showed significantly less myopic progression compared with children receiving placebo (mean differences (MD) 0.31 (95% CI 0.17 to 0.44), 0.34 (95% CI 0.08 to 0.60), and 0.80 (95% CI 0.70 to 0.90), respectively)."
3. Die oben erwähnte Metastudie kommt auch zu dem Schluss:
"The most likely effective treatment to slow myopia progression thus far is anti-muscarinic topical medication."
D.h. andere Ansätze, z.B. der Einsatz spezieller Brillen wie der MyoVision von Zeiss werden als weniger wirksam angesehen als eben der Einsatz von z.B. Atropin.

4. Beim nochmaligen Lesen des nach wie vor sehr zu empfehlenden Artikel der Wikipedia über Kurzsichtigkeit bin ich auch noch auf folgendes Medikament gestoßen: 7-methylxanthine (7-mx) . Eine Studie von Trier 2008 kommt zu dem Schluß:
"The results indicate that 7-mx reduces eye elongation and myopia progression in childhood myopia. The treatment is safe and without side effects and may be continued until 18–20 years of age when myopia progression normally stops."
Das Interessante daran ist, dass man 7-mx im Gegensatz zu Atropinaugentropen einfach als Tabletten einnehmen kann. Ebenfalls interessant ist, dass es sich bei 7-mx nicht wie bei Pirenzepin und Atropin um Muscarinrezeptor-Antagonisten sondern um einen Antagonisten zu Adenosinrezeptoren handelt. Damit ist es verwandt zu Koffein und Theobromin, genauer gesagt, unser Körper produziert diesen Stoff beim Umwandeln/Aussscheiden von Koffein und Theobromin in Leber und Niere (http://www.hmdb.ca/metabolites/HMDB01991). Trier schreibt selbst, dass 7-mx etwa 5-mal stärker als Adenosin-Antagonist wirkt als Theobromin. In der Studie von Trier werden Tabletten von 400mg 7-mx an die Kinder gegeben, was demnach eine Wirkung wie 2g Theobromin haben sollte. Laut Theobromin enthält 1kg dunkle Schokolade etwa 3g Theobromin, d.h.

7 Tafeln (je 100g) dunkle Schokolade am Tag könnten ein Mittel gegen Kurzsichtigkeit sein!

Ich kenne viele Kinder, die eine derartige Therapie mit Freude über sich ergehen lassen würden! ;-) Leider warnt aber auch schon der Wikipedia-Artikel, dass:
"Chronische hohe Aufnahme von etwa 1,5 g/Tag [von Theobromin] über einen Zeitraum von 10 Tagen verursachte Kopfschmerzen, Schweißausbrüche und Zittern."
Also ist wohl von einer Schokoladentherapie gegen Kurzsichtigkeit doch eher abzuraten.

P.S.: Eine Studie aus Israel von 2007 kommt zu dem Schluß, dass Kinder die im Sommer geboren werden angeblich kurzsichtiger sind als der Durchschnitt:
Obwohl das auf mich zutreffen würde, scheint mir das doch im Widerspruch zu den in meinem Post von 2009 erwähnten Studien zu stehen, die mehr Sonnenlicht in der Kindheit mit weniger Kurzsichtigkeit verbinden. Eventuell ist das Ergebnis der Studie ein auf Israel beschränkter statistischer Ausreißer. 

P.P.S.: Der Wirkmechanismus von Atropin ist immer noch nicht wirklich geklärt. McBrien 1993 kommt nur zu dem Schluß, dass es nichts mit der Wirkung von Atropin auf die Pupille zu tun hat. Stattdessen spekuliert er
"It is feasible that atropine may work by inhibiting release of some yet unidentified growth factor in eyes deprived of form vision, thus preventing myopia progression."
Allerdings würde das nicht die Frage klären, warum Kurzsichtigkeit gehäuft in modernen Zeiten auftritt. Stattdessen möchte ich hier mal spekulieren, dass Atropin nicht nur Einfluss auf die Pupille hat, sondern eventuell auch Einfluß auf die Frequenz des Lidschlags. Für den Lidschlag gilt nämlich
"Abwechslungsarme Bildschirmarbeit führt nach einem Bericht der Universitätsaugenklinik Tübingen im Fachjournal Der Ophthalmologe zum Starren auf den Bildschirm mit einer Abnahme der Lidschlagfrequenz von 9,7 auf 4,3 pro Minute."
Würde Atropin die Frequenz des Lidschlages erhöhen, könnte man es als Gegenmittel zu den Auswirkungen der modernen Bildschirmarbeit verstehen und dadurch erklären, warum es gerade in modernen Zeiten zu einem vermehrten Auftreten von Kurzsichtigkeit in der Bevölkerung kommt.

26 November 2015

Neue Ideen für die Fahrradsicherheit

Mein letzter Post zum Thema Fahrradschlösser ist schon ein etwas länger her, daher wollte ich unbedingt mal wissen, ob es vielleicht etwas Neues gibt zum Thema.

1. Es gibt immer noch Leute die verkaufen für teures Geld angeblich unknackbare Schlösser (z.B. ForeverLock) und diese werden dann mit Schlagschlüssel in Sekunden geknackt:


2. Das hochgehypte Berliner Startup Lock8, welches das ultimativ sicherste Schloss entwickeln wollte, gibt auf:
  • http://www.gruenderszene.de/allgemein/lock8-hardware-umstrukturierung
Das ist gut so. Dann muss ich hier nicht erklären, warum ihr Schloss nicht wirklich sicher war, trotz GPS und anderer Gimmiks.

3. Ein GPS Tracker im Fahrrad einzubauen, finde ich aber trotzdem eine coole Idee. Das ganze scheint inzwischen einigermaßen ausgereift zu sein:


Am meisten empfohlen wird die sogenannte SpyLamp
Sollte sich das allerdings unter den Fahrraddieben herumsprechen, dann wird das Fahrradlicht sicher als erstes vom Fahrrad abgebaut, bevor das Fahrrad mitgenommen wird. Ein wirklich bombensicherer GPS-Tracker ist daher in den Rahmen eingebaut
Leider gibt es auch bei dieser Sache einen Haken: Nicht nur das der Spytracker 160 Euro kostet, man muss auch noch eine monatliche Gebühr von 5 Euro zahlen, damit das Fahrrad auch tatsächlich ständig verfolgt werden kann.

4. Im Auftrag der New York Times hat mal jemand versucht in aller Öffentlichkeit Fahrräder zu klauen:
5. Die europäische Meisterschaft im Fahrraddiebstahl, zeigt noch eine interessante Idee um Fahrraddiebe etwas zu ärgern: Farbbomben!

12 Juni 2015

Global average internet speed according to Netflix

Here you can find the average speed of the internet for each country as measured by Netflix:
Despite a lot of criticism Germany is actually quite high in the list (as of May 2015):
  1. Belgium: 4.06 MB/s
  2. Switzerland: 4.01 MB/s
  3. Netherlands: 3.99 MB/s
  4. Sweden: 3.8 MB/s
  5. Denmark: 3.78 MB/s
  6. Norway: 3.72 MB/s
  7. Germany: 3.72 MB/s
  8. UK: 3.5 MB/s
  9. New Zealand: 3.48 MB/s
  10. France: 3.46 MB/s
  11. Austria: 3.35 MB/s
  12. Finnland: 3.3 MB/s
  13. Canada: 3.23 MB/s
  14. USA: 3.16 MB/s
  15. Ireland: 3.12 MB/s
  16. Australia: 2.87 MB/s
  17. Uruguay: 2.82 MB/s
  18. Colombia: 2.6 MB/s
  19. Brazil: 2.57 MB/s
  20. Chile: 2.54 MB/s
Interestingly according to the graph Austria (which was amongst the Top 3 in 2014) lost a lot of speed in the last year. The reason seems to be the drastic decline of the speed for the A1 provider in Austria as can be seen from this graph:
So if you are in Austria and want to use Netflix better avoid A1 .

07 Juni 2015

Superintelligence - A critique of Nick Bostroms arguments

Why is everyone afraid of artificial intelligence? I'm more afraid of natural human stupidity (which is already infinite according to Einstein!).  Superintelligence would just balance that out ;-)

But seriously I think Nick Bostrom has some flawed arguments in his talk:
1. He assumes that the work which is necessary to create a higher and higher intelligent being is linear (or even sublinear) with the IQ. But maybe this is not the case. It could be a lot harder than that. What if it were exponentially more difficult to increase the IQ of an artificial intelligence? Then even if we would manage to have artificial intelligence half as smart as a human in e.g. 30 years, then to get it as smart as humans would take us 60 years. To make a machine twice as smart as humans might well take 120 years, and so on. So having a superintelligence smarter than all humans (if we add their IQs together) together would take 30 * 10 billion years. The universe will end before that is going to happen.

2. He assumes a superintelligence would (despite of its superintelligence) stick to its stupid first optimization task (e.g. make all humans smile). So for him a superintelligence is just a very powerful optimization process, which can do everything to achieve its goal. However I believe that a superintelligence would understand that its optimization task is in fact stupid and instead do something more useful. Maybe it would simply refuse to work with stupid humans, would self-destruct, because it understands that the universe is finite and life is without sense. From human experience we know that genius and madness is often close to each other. So stabilizing (preventing it from becoming crazy and selfdestruct) a superintelligent being might be a very difficult task.

3. He also assumes that we could not put a superintelligence into a save box. But that would only be possible, if the superintelligence would be capable of violating our known physical laws of e.g. electromagnetism and so on. And that would mean, that a superintelligence is automatically super powerful. This seems unlikely. Even though we humans are smarter than animals, we are not super powerful. Physical laws are also valid for us: If we make a mistake, then some animal might simply eat us, despite their lower intelligence. Superhigh intelligence doesn't automatically mean invulnerability and freedom of error. 

But lets assume, he is right:
- A superintelligence can be created in a reasonable amount of time (< 1000 years)
- A superintelligence can be stable and not imediately self-destruct.
- A superintelligence can violate our known physical laws, become super powerful and free of error.

So why did this then not already happen somewhere in the universe? From his arguments I believe such a superintelligence should already exist somewhere in the universe. But how would we call such a superintelligence? We simply would call it God! 
So all his reasoning seems to boil down to the fact that he assumes God (or Gods) exists in the universe. Some religions might agree with him and can surely give him good advice on how to deal with that situation.   


31 Januar 2015

Selig sind die Humorvollen und Weisen

Meine Beziehung zu Religion ist ja eher zurückhaltend, aber die folgenden Weisheiten sollten einfach mehr Leute kennen:

Selig sind die Humorvollen und Weisen

Selig die, die über sich selbst lachen können; 
sie werden immer genug Unterhaltung finden.
Selig die, die einen Berg von einem Maulwurfhügel unterscheiden können;
sie werden sich viel Ärger ersparen.
Selig die, die fähig sind, sich auszuruhen und auszuschlafen, ohne dafür Entschuldigungen zu suchen;
sie werden weise werden.
Selig die, die schweigen und zuhören können;
sie werden dabei viel Neues lernen.
Selig die, die intelligent genug sind, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen;
sie werden von ihren Mitmenschen geschätzt werden.
Selig die, die aufmerksam sind für die Winke der anderen, ohne sich jedoch für unersetzlich zu halten;
sie werden viel Freude säen.
Selig die, die lächeln können und kein böses Gesicht machen;
ihre Wege werden sonnenbeschienen sein.
Selig die, die es verstehen, die kleinen Dinge ernst und die ernsten Dinge gelassen anzusehen;
sie werden im Leben sehr weit kommen.
Selig die, die denken, bevor sie handeln, und beten, ehe sie denken;
sie werden eine Menge Dummheiten vermeiden.
Selig die, die schweigen und lächeln können, auch wenn man ihnen das Wort abscheidet oder auf die Zehen tritt;
sie sind dem Geist des Evangeliums sehr nahe.
Selig die, die den Herrn in allen Wesen erkennen und lieben;
sie werden Licht und Güte und Freude ausstrahlen. 

Amen.

01 Dezember 2014

Sowjetrussiche Filme, die man gesehen haben muß

Da ich über die Jahre durch meine Frau so manchen sowjetrussischen Film gesehen habe, möchte ich hier mal eine kleine Liste der Filme geben, die man auch als westlicher Imperialist gesehen haben sollte. Leider ist es sehr schwer die Filme online auf deutsch zu finden (manche sind so wenig bekannt, dass sie nicht einmal einen deutschen Wikipedia-Eintrag haben), so dass alle hier angegebenen Links praktisch immer auf die russische Version mit englischen Untertiteln verweisen.
  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_und_Frieden_(1967) : Der teuerste Film der Sowjetunion (heute umgerechnet 70 Millionen Dollar Produktionskosten u.a. wegen bis zu 120000 Statisten) und der längste Film (4 Teile mit insgesamt 432 min) der jemals einen Oscar gewonnen hat, wird dem Buch von Tolstoi trotzdem nicht gerecht. "Eine unzulässig verkürzende Zusammenfassung" des Buches sei der Film unter "Auslassung wesentlicher Handlungsstränge" wie meine Frau meint. Aber wer das Buch (4 Bände mit insgesamt 2000 Seiten) nicht kennt, sollte den Film auf jeden Fall schauen.  Er ist einfach episch:    http://www.dailymotion.com/playlist/x32d5z_karimberdi_war-and-peace-1966/1#video=x14dfu8
  2. http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=And_Quiet_Flows_the_Don_(1958_film) : In gewisser Weise das historische Gegenstück zu "Krieg und Frieden" zeigt "Der stille Don" (auf Basis des gleichnamigen Buches) in drei Teilen (insgesamt 330 min.) das Leben und Leiden der Don-Kossaken in Russland von vor dem ersten Weltkrieg bis zu ihrer Vertreibung am Ende des russischen Bürgerkrieges (ca. 1923). Der Film hat mich am meisten überrascht und tief beeindruckt, wohl auch, weil ich über die historischen Umstände mit meiner westlichen Schulbildung nur wenig wusste. Während in Mitteleuropa der erste Weltkrieg 1918 vorbei war, zeigt der Stille Don, dass in Russland das Drama einfach nicht enden wollte und am Ende eine ganze Generation nach 10 Jahren Krieg und Revolution zerstört war. Denn was nützt es einem, wenn man wie der Hauptheld den 1. Weltkrieg, die russische Revolution, den Polnisch-Sowjetischen Krieg und den russischen Bürgerkrieg überlebt, und praktisch alle Freunde und die Familie gestorben sind? Meiner Meinung nach ein ganz starker und wichtiger Film.  
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Siebzehn_Augenblicke_des_Frühlings : Kein Film sondern eine ganze Serie, die ich bisher leider nur ausschnittsweise gesehen habe.  Interessanterweise wurden nämlich einige Szenen der Serie im heute noch existierenden Berliner Restaurant http://de.wikipedia.org/wiki/Zur_letzten_Instanz (das ich nur empfehlen kann) gedreht. Aber dieser Serie entspringen soviele Redewendungen die jeder Russe kennt, das eine Liste der besten sowjetischen Filme ohne diese Serie einfach unvollständig wäre: https://www.youtube.com/watch?v=sadx8EbPF2c
  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Abenteuer_von_Sherlock_Holmes_und_Dr._Watson_(Filmreihe) : Ebenfalls eine ganze Serie ist das besondere an der sowjetischen Verfilmung die hohe Orginaltreue der Filme im Vergleich zu den Büchern, die Margaret Thatcher gar „den besten Sherlock Holmes Film nannte, die sie je gesehen hatte“. Es macht einfach Spass Sherlock Holmes ohne den ganzen Hollywood-Nonsens zu sehen. Und ja, Sherlock Holmes darf wie in den Büchern auch Kokain rauchen. Also ein Spass für die ganze Familie: http://video.kylekeeton.com/category/sherlock-holmes
  5. http://en.wikipedia.org/wiki/Only_Old_Men_Are_Going_to_Battle : Ein Film über den zweiten Weltkrieg der ohne allzuviel Gewalt und Schlachtgetümmel auskommt ist schon ein Kunststück. Diesem Film, der das Leben einer Fliegerstaffel (hauptsächlich am Boden) darstellt, gelingt dieses Kunststück. Gerade deswegen zählt der Film wohl in Russland mit zu den Besten über den zweiten Weltkrieg. Bonuswissen: Wer Noten lesen kann, sieht die ersten Takte der Titelmusik auf einem der Flieger im Film und der Hauptheld kommt aus der Ukraine wie er am Anfang des Filmes stolz verkündet: http://video.kylekeeton.com/2009/05/russian-video-only-old-men-are-going-to.html
  6. http://de.wikipedia.org/wiki/Iwan_Wassiljewitsch_wechselt_den_Beruf : Durch eine Zeitmaschine landet Zar Iwan der Schreckliche im 20ten Jahrhundert. Das Chaos nimmt seinen Lauf in dieser Komödie basierend auf einem Theatherstück von Bulgakow: http://video.kylekeeton.com/2009/09/russian-video-ivan-vasilievich-changes.html
  7. http://de.wikipedia.org/wiki/Ironie_des_Schicksals: Was passiert, wenn man nach der Sauna zuviel Wodka trinkt, und dann in der falschen Stadt landet zeigt dieser Film. Er genießt in Russland Kultstatus und wird ähnlich wie "Dinner for One" immer an Sylvester im Fernsehen gezeigt: http://video.kylekeeton.com/2008/12/russian-video-new-year-tradition-movie.html
  8. http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Karenina_(1967) : Der Film zum zweitwichtigsten Buch Tolstois wird besonders interessant wenn man ihn mit der gelungenen Neuverfilmung http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Karenina_(2012) vergleicht. Die Szenenauswahl und auch die Kamerapositionen der Neuverfilmung sind sehr oft einfach von der sowjetrussischen Verfilmung übernommen: http://cinema.mosfilm.ru/films/film/Anna-Karenina/anna-karenina-1/ 
  9. http://en.wikipedia.org/wiki/A_Cruel_Romance : In der Sowjetunion sehr bekannte Verfilmung eines Theaterstückes. Der Film wurde an der oberen Wolga (also in der Nähe von Nischni Novgorod und Kostroma) gedreht. Es gibt Duelle, Wodka, Eifersucht und ein tragisches Ende, also alles was man von einem guten russischen Film erwarten kann. 
  10. http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Barbier_von_Sibirien : Eigentlich kein sowjetrussischer Film, da von 1998, ist er meiner Meinung nach doch irgendwie in ähnlichem Stil gedreht. Aber er hat den Vorteil, dass die Bildqualität gegenüber den doch in die Jahre gekommenen sowjetischen Filme einfach besser ist.
Wer nach dieser Liste noch mehr Lust auf sowjetrussische Filme bekommen hat, dem seien noch zwei Links empfohlen:
P.S.:  Bei der Recherche zu dieser Liste bin ich zufällig über dieses Kuriosum gestolpert: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Hobbit_(1985_film), die sowjetische Verfilmung von Tolkiens "The Hobbit" von 1985(!). Man könnte denken die Sowjetunion war damit ihrer Zeit weit voraus. Der Film https://www.youtube.com/watch?v=XALj24n1F2k ist aber definitiv ein guter Kandidat für die Liste der sowjetrussischen Filme, die man besser nicht anschauen sollte. ;-)

17 Mai 2014

Europawahl 2014 - Interessante Korrelationen in den Wahl-O-Mat Daten

Die Europawahl steht vor der Tür. Diesmal ohne irgendeine 5% oder 3%-Hürde. Das Bundesverfassungsgericht hat solche Sperrklauseln verboten, da sie gegen die Grundsätze der Wahlrechtsgleichheit und der Chancengleichheit der Parteien verstoßen.
Das heisst insbesondere, dass Stimmen auch für kleine Parteien diesmal nicht mehr verlorengehen. Daher ist es umso interessanter wie schon für die Bundestagswahl 2013 einmal das Parteienspektrum mit Hilfe der Wahl-O-Mat Daten zu analysieren. Dies habe ich wie immer mittels meines selbstgebauten Python-Skriptes gemacht. Die detaillierten Ergebnisse stelle ich wie immer hier zum Download bereit. Einige interessante Resultate aus der Analyse seien im Folgenden erwähnt:
  • Die größte Übereinstimmung herrscht zwischen den GRÜNEN und der PARTEI MENSCH UMWELT TIERSCHUTZ mit 31 übereinstimmenden Antworten von 38 Möglichen (also 82% Übereinstimmung). Bei soviel Übereinstimmung kann man eigentlich nur zur Fusion beider Parteien raten, damit der Wahlzettel etwas kürzer wird. Weiter könnte man den Wahlzettel verkürzen wenn die GRÜNEN mit DER LINKEN und mit den PIRATEN (je 30 Übereinstimmungen) und die MLPD und die DKP (ebenso 30 Übereinstimmungen) sich zu je einer Partei vereinen würden.
  • Am wenigsten, nämlich in nur 4 Antworten, stimmen die PIRATEN mit der christlichen Partei AUF überein. Die PIRATEN sind sozusagen die Anti-Christen! Ähnlich wenig können die GRÜNEN und die SPD mit der AUF anfangen. Sie haben jeweils nur 5 Übereinstimmungen. Offenbar ist linke Politik mit dem Christentum nicht vereinbar, auch wenn anderes zuweilen behauptet wird.
Im folgenden wieder ein kleiner Auszug aus den oben verlinkten Daten, der zeigt mit welchen Parteien die großen bekannteren Parteien am meisten übereinstimmen.

1. CDU

ParteiCDU
CSU28
Freie Wähler25
AfD23
FDP23

Das CDU und CSU nahe beieinander liegen ist keine Überraschung. Auch das die Freien Wähler aus demselben Holz geschnitzt sind, hat man auch schon in den Daten zur bayrischen Landtagswahl und der Bundestagswahl gesehen. Die FDP und die AfD liegen nicht nur in den prognostizierten Prozentzahlen nahe beieinander, sondern auch in ihrer Ähnlichkeit mit der CDU.

2. FDP

ParteiFDP
CDU23
Freie Wähler22
AfD20
CSU20
PBC20
SPD20
Volksabstimmung20

Die FDP hat kaum Freunde in anderen Parteien. Selbst mit dem Dauerkoalitionspartner CDU haben sie nur 23 Übereinstimmungen. Das die FDP und die AfD übereinstimmen mag überraschen, aber noch verwunderlicher ist die gleich hohe Übereinstimmung mit der SPD. Die FDP bei der Europawahl präsentiert sich als seltsame Mischung irgendwo zwischen AfD und SPD und einigen christlichen Parteien wie der CSU und der PBC.

3. DIE LINKE

ParteiDIE LINKE
GRÜNE30
ÖDP27
PIRATEN26
Tierschutzpartei26

Die LINKE hat im Gegensatz zu vorherigen Wahlen weniger mit den Kommunistischen Parteien zu tun als ihnen oft nachgesagt wird. Stattdessen hohe Übereinstimmung mit den Umweltparteien GRÜNE, ÖDP und der Tierschutzpartei. Dazu noch hohe Übereinstimmung mit den eher technik- und zukunftsorientierten PIRATEN. Hat sich DIE LINKE etwa von ihrer Vergangenheit emanzipiert?

4. GRÜNE

ParteiGRÜNE
Tierschutzpartei31
DIE LINKE30
PIRATEN30
SPD27
ÖDP26

Das die GRÜNEn und die Tierschutzpartei fusionieren könnten habe ich bereits oben erwähnt. Aber auch die Europaprogramme der anderen Linksparteien (SPD, DIE LINKE, PIRATEN) liegen so nahe bei den GRÜNEn, dass man eine Koalition empfehlen muss. Überraschender ist eher, dass auf Europaebene auch die ÖDP sehr viel gemeinsam hat mit den GRÜNEn. Das hat war z.B. bei der Bundes- und Landesebene nicht der Fall. Da war die ÖDP eher im rechten Spektrum zu finden.

5. SPD

ParteiSPD
GRÜNE27
Tierschutzpartei24
DIE LINKE23
PIRATEN23

Im Gegensatz zur Bundestagswahl, wo die SPD sich eher als die Partei der Migranten und Rentner profiliert hat, ist die SPD auf Europaebene eindeutig zu den Linksparteien mit Schwerpunkt auf Umweltproblemen und Tierschutz zu zählen. Eine große Koalition mit der CDU wie auf Bundesebene macht auf Europaebene für die SPD keinen Sinn.

6. PIRATEN

ParteiPIRATEN
GRÜNE30
Tierschutzpartei28
Die PARTEI27
DIE LINKE26

Auf den ersten Blick sieht die Tabelle für die PIRATEN genauso aus wie für die SPD. Währe da nicht die überraschend hohe Übereinstimmung mit der Satirepartei DIE PARTEI. Sind die PIRATEN in der kurzen Zeit ihrer Existenz schon zu Politiksatirikern geworden? Oder wurde DIE PARTEI von PIRATEN unterwandert und das PARTEI steht inzwischen nicht mehr für "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative" sondern für "Piraten für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative"? Eine gemeinsame Liste von Kandidaten der PARTEI und der PIRATEN könnte bei so viel Übereinstimmung in Zukunft jedenfalls Sinn machen.

7. AfD

ParteiAfD
Freie Wähler28
ProNRW25
BüSo25
PSG24
CSU24

Auf den ersten Blick zeigt sich die AfD auf Europaebene etwas gemäßigter als auf Bundesebene, wo man noch größte Übereinstimmung mit Rechtspopulisten der REP vorzuweisen hatte. Aber 25 Übereinstimmungen mit ProNRW, einer Partei die von den Wahl-O-Mat Autoren als rechtsextrem, islam- und fremdenfeindlich charakterisiert wird, zeigen das man die AfD nach wie vor zu den stramm rechts stehenden Parteien zählen darf. Nur eine Sache ist daran komisch: Warum stimmt die AfD in 24 Punkten mit der PSG überein, einer Partei deren Ziel es ist, ein "vereintes Europa auf sozialistischer Grundlage" zu errichten? Ich denke aber diese Tatsache dürfte für AfD und PSG gleichermaßen peinlich sein.

Fazit: Gerade weil diesmal keine Stimme verloren geht, ist es interessant, sich auch einmal mit den kleinen Parteien genauer auseinanderzusetzen. Bei den Großen gibt es kaum Überraschungen. Außer vielleicht, dass eine große Koalition der Mitte zwischen SPD und CDU auf Europaebene eigentlich ausgeschlossen sein sollte. Die Programme liegen zu weit auseinander. Dasselbe galt allerdings auch für die Bundestagswahl. Manch einer mag deswegen einwerfen, dass der Unterschied zwischen dem Programm einer Partei vor und nach der Wahl wesentlich gravierender ist, als der Unterschied zwischen den Programmen der Parteien untereinander. Um diese zynische Sichtweise zu überprüfen, müssten die Autoren des Wahl-O-Mat den Parteien auch nach der Wahl und der Regierungsbildung/Koalitionsvertrag noch einmal dieselben Fragen stellen, so dass die zeitliche Entwicklung der Parteiprogramme offenbart würde. Solange aber niemand solch eine Untersuchung mach, gilt aus statistischer Sicht nach wie vor folgende Empfehlung: Wählen gehen lohnt sich!